Das Kind im Bonbonladen

Kennen Sie den Begriff Fülle? Natürlich kennen Sie den, aber ich meine, haben Sie schon mal Fülle selbst erlebt? Im Sinne von Überfluss, Hülle und Fülle, dem Land, in dem Milch und Honig fließen, einem Leben in Saus und Braus, dem Kind im Bonbonladen? Und erleben Sie Fülle jeden Tag und in jeder Minute? Oder maximal zwei Mal im Jahr? Zu Weihnachten und im zweiwöchigen Pauschalurlaub, inklusive All-you-can-eat-Buffet? Wenn Sie sich reich, entspannt, sicher und geliebt, eben erfüllt fühlen.

Ich selbst erlebe Fülle ehrlich gesagt auch nicht besonders häufig. Mein größtes persönliches Mangelgefühl habe ich beim Thema Zeit. Irgendwie scheine ich immer zu wenig davon zu haben. Aber ich arbeite dran … Angeblich gibt es so etwas wie Zeit ja gar nicht, aber diese Theorie habe ich noch nicht so ganz verstanden.

Dafür erlebe ich materielle Fülle immer häufiger. Das Entrümpeln bringt es nämlich mit sich, dass man einen Blick auf seinen ganzen materiellen Besitz wirft. Habe ich getan. Alle meine Kleider auf einen Haufen geworfen. Das war ein riesiger Haufen. Der das ganze Zimmer ausfüllte. Ach, eigentlich die halbe Wohnung ….

Das war mein erster Anfall von Fülle

Eigentlich schon von Überfülle. Ich fühlte mich nahezu erschlagen von den ganzen Dingen. So übersatt. Als hätte ich viel zu viel gegessen am All-you-can-eat-Buffet. Völlegefühl.

Das mit den Kleidern ist natürlich nur ein Beispiel. Will sagen, auch beim Anblick meiner anderen Besitztümer ging es mir ähnlich. Aber die Kleiderfülle war am größten.

Nachdem ich meinen materiellen Besitz mehr und mehr reduziert habe, macht sich das Gefühl der Fülle immer mehr breit. Eigentlich paradox. Ich reduziere. Und habe das Gefühl von Fülle. Meine Erklärung dazu. Ich besitze jetzt nicht nur genau die richtige Menge von allem. Sondern auch genau die richtigen Dinge. Die, die ich wirklich brauche, nutze, liebe. Zumindest bin ich auf dem Weg dorthin …

Und dieses Gefühl von „richtig“, im Sinne von „passend“ oder „angemessen“ löst bei mir ein Gefühl von Fülle aus. Fülle hat für mich nicht (mehr) mit einer möglichst hohen Anzahl von Dingen zu tun. Sondern mit der Auswahl und dem Besitz der „richtigen“ Dinge. Das muss nicht unbedingt viel sein. Muss aber auch nicht unbedingt wenig sein.

Hauptsache, es sind die „richtigen“ Dinge

(Ich gebe zu, diese „richtigen“ Dinge zu identifizieren kann sehr schwierig sein. Vor allem, wenn man in einer Welt lebt, in der jedes Jahr 12 Modekollektionen auf den Markt geworfen werden. Wer kann da noch den Überblick behalten? Ich jedenfalls nicht. Manchmal wünsche ich mir, dass ich ein männlicher Banker wäre. Dann könnte ich jeden Tag den gleichen blauen Anzug tragen und müsste nicht mehr so viel über Outfits nachdenken. Aber dazu hätte ich eine Bankerlehre machen müssen. Und das hätte ich nicht ertragen … Ach ja, und ich müsste mich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen.)

Letztens habe ich eine Doku im Fernsehen gesehen. Den Fernseher habe ich nämlich nicht entrümpelt. Darin erzählt Joachim Klöckner, Deutschlands bekanntester minimalistisch lebender Rentner, der nur noch etwa 50 Gegenstände besitzt und in einem nahezu leeren Zimmer lebt „Ich lebe in Fülle. Der ganze Raum hier ist voller Luft, Freiraum, Bewegungsraum. Ich lebe mit Wesentlichem. Ich lebe in Fülle. Es fühlt sich einfach leicht an.“

Das hat mir gut gefallen. Das Leben in Leichtigkeit. Und dazu brauche ich noch nicht einmal einen Bonbonladen.

 

Sun-Mi Jung ist Foodbloggerin, hat südkoreanische Wurzeln und stammt aus dem Ruhrgebiet. Vor kurzem hat sie die Freiheit von „Less stuff – more happiness“ entdeckt: Sie zog von 150 Quadratmetern auf zwei Etagen auf 72 Quadratmeter, reduzierte 3,5 Meter Kleiderschrank (plus Handtaschen und Schuhe!) auf 1,2 Meter und ist immer noch kräftig dabei zu entrümpeln. Bei Vintage Your Life berichtet sie in der Kategorie Gerümpelfrei von ihren Erfahrungen, gibt praktische Tipps und führt Interviews mit Entrümpelungsexperten und Gleichgesinnten. Hier geht es zu ihrem Foodblog MissSeoulfood.

 

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