Loslassen

Loslassen, sagt der Buddhismus. Loslassen macht frei. Und gücklich. Denn loslassen, ja sogar aufgeben, bedeute nicht, eine Niederlage zu erleben und schon gar nicht zu verlieren. Nein, loslassen im buddhistischen Sinne bedeutet, herauszufinden, was einem wirklich wichtig ist und vor allem, was einem wirklich entspricht. Und das ist doch wohl eine herrliche Aussicht, oder?

Ich habe ja asiatische Vorfahren. Und der Buddhismus ist in Asien weit verbreitet. Auch in Korea, der Heimat meiner Eltern. Ich selbst wurde jedoch keineswegs im buddhistischen Sinne erzogen. In Korea gibt es nämlich so viele Religionen, dass sich meine Eltern für den Konfuzianismus enschieden und mich entsprechend erzogen haben. Auch, wenn der Konfuzianismus gar keine Religion, sondern eine Philosophie ist. Aber das spielt jetzt keine Rolle! Also, zurück zum Buddhismus.

Anhaftung

Buddhistisches Loslassen als Gegenteil von Anhaftung. Sie wissen nicht, was das ist? Aber erlebt haben Sie Anhaftung schon häufig. Ich würde sagen, täglich. Ich will diesen Mantel unbedingt haben. Sofort! Auch wenn das Konto in den roten Zahlen ist. Ich möchte nicht, dass sich mein Leben/ mein Job/ mein Umfeld verändert und alles beim vertrauten Alten bleibt. Ich will, dass mich dieser Mensch liebt. Auch, wenn er gar nicht weiß, dass ich existiere, er George Clooney heißt und bereits verheiratet ist. Und dann noch einer wunderschönen Menschenrechtsanwältin namens Amal. Ich will! Unbedingt! Und vor allem SOFORT! (Auch wenn die Beispiele ein wenig überzogen wirken, Sie wissen, dass ich NICHT übertreibe.)

Kein Wunder, dass der Buddhismus Anhaftung als eine der fünf Ursachen des Leidens bezeichnet. Denn wer sich erst in der Anhaftung verloren hat, der kann ganz schön leiden. Dabei kann man sich das Leben um einiges einfacher machen. Und zwar, indem man loslässt …

Zuerst habe ich gedacht, beim Entrümpeln geht es „lediglich“ um Gegenstände. Deshalb konnte ich auch nicht so richtig verstehen, warum sich nach dem Entrümpeln das Leben so einschneidend verändert, sogar verbessert. Nur, weil man drei alte Kisten zur Müllkippe gefahren hat?

Bis ich irgendwann bei meinen (digitalen) Unterlagen, Projekten, Aufgaben, Verträgen, Konten, Passwörtern, Verpflichtungen, Hobbies, Gefühlen, Mitgliedschaften, immer gleichen Diskussionen, wiederkehrenden Denkmustern und all den abstrakten Dingen angekommen war, die auf irgendeine Weise meine Zeit füllen, anstatt meine Schränke. Ich bin natürlich erst ganz zum Schluss darauf gekommen, eben WEIL diese Dinge nicht materiell und damit nicht sichtbar sind. Das heißt aber natürlich nicht, dass sie nicht existieren. Im Gegenteil. (Strom existiert ja auch.) Und sie beanspruchen meine Aufmerksamkeit viel mehr als drei Kisten mit alten Pullovern.

Und weil ich bei der ganzen Aufräumerei auch noch ein Buch über das buddhistische Loslassen gefunden habe, weiß ich jetzt auch, womit dieses ganze materielle und nicht-materielle Gerümpel in Wirklichkeit zusammenhängt. Wo es herkommt und was seine Ursache ist. In Wirklichkeit geht es nämlich um:

  • Wünsche
  • Ansprüche
  • Tempo
  • Unterhaltung
  • Bequemlichkeit
  • Konsum
  • Status/Image
  • Ego

Unser sogenanntes Gerümpel ist nichts anderes als Ausdruck dieser Begriffe. Grundsätzlich kann man sicherlich nichts dagegen einwenden. Zumindest finde ich, dass sie ganz schön harmlos klingen. Es sei denn, man schaut hinter die Kulissen.

Loslassen befreit von Anhaftung

1. Wünsche. Erinnert an Kindheit, Geschenke, Weihnachten. Das Problem entsteht nur, wenn man vor lauter Wünschen (oder sollte man besser sagen: Begehren?) gar nicht mehr dazu kommt, das Vorhandene wirklich zu genießen. Und immer mehr Wünsche immer mehr Begehren schaffen … Und die Schränke vor lauter erfüllten Wünschen nicht mehr zugehen.

2. Ansprüche. (An sich und andere). Der Motor für Entwicklung und Erfolg. Aber: „Wer sich an den Besten misst, sieht selten gut aus“. Sprich: Man ist immer unzufrieden … und kommt nicht mehr aus dem Hamsterrad aus Aufgaben und Arbeiten heraus. Das kennen übrigens nicht nur Manager, sondern aus Hausfrauen, die von sich selbst ein blitzblankes Haus erwarten und jedes (unnütze?) Putzmittel kaufen, welches auf den übersättigten Markt geworfen wird.

3. Tempo. Meine ganz persönliche Baustelle. Ich lebe ja die Vorstellung „Zeit ist Geld“. Also bin ich eigentlich permanent in Eile. Aber: „Nur wer Zeit verschwendet, hat sie“. Das Schlimmste, Dinge anzuschaffen, die Zeit „sparen“ sollen … Als ob man Zeit auf ein Konto einzahlen könnte.

4. Unterhaltung. Ich liebe Unterhaltung. Gutes Enter- und auch Infotainment wurde sozusagen für mich erfunden. Bei zu viel „externer“ Unterhaltung leidet jedoch die Kreativität. Oder warum essen die fleißigsten Kochshow-Zuschauer ihr Mikrowellengericht vor dem Fernseher? Und der übergroße Wunsch nach Unterhaltung und Ablenkung führt häufig zu XXL-Fernsehern, Pay-TV-Abos, Pauschalreisen und All-you-can-eat-Buffets mit Livecooking.

5. Bequemlichkeit. Komfort kann so schön sein. Vor allem bequeme Schuhe (selbst mit acht Zentimetern Absatz!) sind einfach herrlich. Zu viel Bequemlichkeit macht jedoch träge. Und dick. Und unselbstständig. Ich sag nur Fastfood-Restaurants und TK-Pizza. Ich glaube nicht, dass die Leute das Essen dort so lieben. Sondern lediglich die Bequemlichkeit …

6. Konsum. Ich liebe die Errungenschaften der modernen Konsumgüterindustrie! So hübsch, so stilvoll, so elegant. Allerdings hat niemand gesagt, dass ich erstens die ganze Wohnung damit vollstellen soll. Und auch nicht, dass ich jede Woche neues Zeug anschaffen muss. Und schon gar nicht, dass ich einen Konsumkredit dafür aufnehmen muss. Elegante Highheels können locker fünf Jahre alt werden! Und „Diamonds are forever“.

7. Status/ Image. Will ich diesen Gegenstand, weil ich ihn brauche und er MIR Freude macht? Oder weil ich mit seiner Hilfe etwas nach außen darstellen will? Will ich die Hightech-Kaffeemaschine, weil der Kaffee tatsächlich so viel besser schmeckt? Oder weil ich das glänzende, hübsche und offensichtlich sehr teure Gerät meinen Freunden zeigen möchte?

8. Ego. Sich gegen andere durchsetzen wollen. Weil „der andere“ ja so böse ist und mir schaden will. Absichtlich! Auch, wenn es Kraft und Nerven kostet und mich unglaublich stresst. Ist sicherlich manchmal notwendig. Zum Beispiel wenn mir mein Mann den letzten Pudding aus dem Kühlschrank wegessen will. Da verstehe ich gar keinen Spaß! Aber was habe ich in meiner ersten Kampfsportstunde gelernt? „Wenn ihr überfallen und ausgeraubt werdet, gebt schön eure Wertsachen her und kommt ja nicht auf die Idee, mit dem Angreifer zu kämpfen. Ihr wisst nie, wie er bewaffnet ist und wie viele Leute zu seiner Gang gehören. Und wegen 20 Euro, einer Uhr und ein paar Kreditkarten, die sofort gesperrt werden können, sollte man nicht so einen dummen Aufstand machen.“

Und wie halten Sie es mit dem Loslassen?

 

Sun-Mi Jung ist Foodbloggerin, hat südkoreanische Wurzeln und stammt aus dem Ruhrgebiet. Vor kurzem hat sie die Freiheit von „Less stuff – more happiness“ entdeckt: Sie zog von 150 Quadratmetern auf zwei Etagen auf 72 Quadratmeter, reduzierte 3,5 Meter Kleiderschrank (plus Handtaschen und Schuhe!) auf 1,2 Meter und ist immer noch kräftig dabei zu entrümpeln. Bei Vintage Your Life berichtet sie in der Kategorie Gerümpelfrei von ihren Erfahrungen, gibt praktische Tipps und führt Interviews mit Entrümpelungsexperten und Gleichgesinnten. Hier geht es zu ihrem Foodblog MissSeoulfood.

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