Minimalismus im Wertgefüge: Warum ich Maximalist bin

Seit vier Jahrzehnten beschäftigt mich der Gedanke, alles nur einmal anschaffen zu müssen, wenn die Qualität denn stimmt, und nur das zu besitzen, was man benötigt, denn das eine oder andere kleine Erinnerungsschnipsel in materieller Form kommt sowieso automatisch hinzu: Die Muschel, die an den besonderen Tag am Strand erinnert, die Konzertkarte, der Bierdeckel einer Craft Beer Brewery usw.

Meine Motivation ist ganz unpolitisch, denn dies war ich zu Kindheitstagen sicher nicht; vielmehr lebte mir meine Familie (oder einige Personen im Umfeld) diese Werte vor. Bei einem Wunsch z. B. nach einer Mundharmonika wurde eine qualitativ hochwertige angeschafft, verbunden mit der Antwort auf die zuvor gestellte Frage „bist Du überzeugt, dass Du dieses Instrument erlernen willst?“ Ich spiele – wenn auch selten und recht amateurhaft – diese Mundharmonika noch heute. Seither kaufe ich das, von dem ich überzeugt bin, es bis an mein Lebensende nutzen und schätzen zu wollen. Da muss schon ordentlich Qualität die Basis sein.

Für viele Gegenstände hat sich dies auch bewahrheitet: Ein Trench aus dem Jahr 1977, Motorradstiefel, die seit 1988 im Einsatz sind, eine Küchenmaschine, die seit 1993 im täglichen Einsatz ist, eine Leuchte, die mich seit 1984 im Büro begleitet, ebenso wie der manuelle Tischanspitzer, ein Füller, der seit 1985 samt Tintenroller (nachfüllbar ohne Fabrikpatrone) im Dauereinsatz ist, … ich könnte jetzt sehr vieles aufzählen. Natürlich gibt es auch einen natürlichen Verschleiß beim einen oder anderen Nutzungsgegenstand. Nicht selten befällt mich ein Anflug von Trauer, wenn ich entscheide, mich davon zu trennen.

Mittlerweile beobachte ich, wie intensive Diskussionen rund um das Thema Minimalismus stattfinden und nahezu ein Wettbewerb um „wer ist der wahre Minimalist“ ausgebrochen ist. Das erinnert mich sehr stark an alle Strömungen, in welchen Menschen andere Menschen missionieren wollen, Anerkennung suchen und trennendes Denken (du bist gut – ich bin aber besser) anwenden. Puuuuh… ist es in dieser Zeit nur noch möglich, extrem zu sein? Kann man nicht einfach sein Ding machen und akzeptieren, dass andere einen anderen Weg gehen?

Die Grenze zwischen nahezu krankhaftem Verhalten und gesundem Wertmaßstab würde ich da ziehen, wo die Missionierung anderer beginnt, einhergehend mit der eigenen sozialen Isolation. – Der Begriff „Minimalismus“ fasst meines Erachtens viele Ströme zusammen, die zurzeit zu beobachten sind. Die Motive sind ganz verschiedenen: Leben (fast) ohne Geld, funktionales Design, Nachhaltigkeit in Produktion, Transport und Nutzung sowie Qualität, Spiritualität und Achtsamkeit. Da wundert es mich nicht, dass manchmal (scheinbar) widersprüchliche Meinungen aufeinanderprallen.

Meine Ernährung gehört für mich zu meinem Minimalismus dazu: Ursprünglich, unverfälscht, möglichst bio, nachhaltig und regional.
Ich stelle Abwehrhaltungen fest, wenn ich, auf mein „Rezept“ nach Vitalität und Figur gefragt, die Frage offen und ehrlich beantworte: „Viel Gemüse und Obst, ein paar Nüsse und in homöopathischen Dosen das eine oder andere aus der Fabrik, wohl wissend, dass dies ein Gemisch aus hoch verarbeiteten Indigrenzien ist, wovon etliche mit Natürlichkeit nichts zu tun haben.“ Dann kommt sofort „ich könnte so nicht leben.“ – Dabei habe ich das nicht verlangt oder behauptet, man müsse es; ich habe ehrlich auf die mir gestellte Frage geantwortet: „Wie machst Du das, so fit und schlank zu sein?“

Auf meinem Weg zu meiner heutigen Ernährung habe ich anfängliche Ablehnung einer bestimmten Ernährungsweise stets als Schalter erlebt, genau diesen Weg einzuschlagen. Ich habe mich beispielsweise wochenlang damit gedanklich beschäftigt, welche Lebensqualität ein Rawtill4, fruityourself, Paleovegan usw. bringt und welche Lebensqualität dies sein soll. Dann startete ich den Selbstversuch. Den ersten brach ich meist kopfschüttelnd („so könnte ich nicht leben“) nach drei Tagen ab. Aber ein paar Wochen später stellte ich dann fest, dass ich ganz unbewusst mein Verhalten dahingehend geändert hatte. Wirklich verrückt. Psychologisch jedoch erklärbar: Das neue ist immer eine Bedrohung. Das ist unser Urprogramm. Aber, wenn wir den Mut haben, unsere Angst vor diesem neuen zu überwinden, die Komfortzone zu verlassen, können wir es annehmen; sehr interessant. – Was lehnst Du gerade kopfschüttelnd ab?

Zurück zu meinem Verständnis von Minimalismus, denn zurzeit bewegen mich schon einige fundamentalistische Behauptungen wie „Minimalismus ist das Freimachen von Zwängen“. Da schüttele ich innerlich den Kopf, denn für mich ist Minimalismus ein Weg der Achtsamkeit: Nicht gierig horten, sondern das besitzen, was man braucht und regelmäßig nutzt. Wenn ich einem Gegenstand keine Wertschätzung mehr entgegenbringe(n) kann, dann brauche ich ihn nicht mehr und kann ihn verschenken oder verkaufen, damit andere sich daran erfreuen. Ebenso wie bei der Ernährung werde ich vielleicht meinen Wert künftig als Maximalist bezeichnen: Ein Maximum an Nutzungsdauer, Lebensfreude und natürlichen Nährstoffen. Insofern gilt: Weniger ist Mehrwert.

 

Sylvia Nickel ist Coach und Beraterin. Sie hilft Menschen, Ziele zu erreichen und ihre Arbeit effektiv zu strukturieren. Sie weiß, wie man die Flut von Emails, Informationen, Nachrichten beherrscht, einordnet und verarbeitet. Bei Vintage Your Life erklärt sie in der Kategorie Minimalismus, wie man minimalistisch lebt und arbeitet und mit wenig Aufwand viel Wirkung erzielt. Mehr dazu auf Karriere nach Maß.

 

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