Nichts ist für immer – Leben zwischen Haben und Sein

Du gehörst mir. Du bist keine Schönheit. Du bist das, was ich mir gerade leisten konnte. Ich bin stolz, dich zu besitzen. Wollte immer bei dir bleiben. Und doch werde ich gehen.

Du liegst im Westen, in der Metropole Ruhr. Dort lebt es sich gut, viel besser, als man glaubt. Bunt, gemischt, wild, frei, aber auch sicher und ruhig. Der Pulsschlag aus Stahl ist längst verstummt und hat der Dienstleistung und den Neubauten Platz gemacht.

Dort, wo du bist, ist es schön. Ganz grün. Du liegst eingeklemmt zwischen Krankenhaus, S-Bahn und Garagen, den Gärten des kleinen Mannes und den Nachbarn, die genau wissen, wie du zu sein hast.

Du bist gebaut aus ehrlichen Materialien, Eternit, Holz und Stein und natürlich nicht gedämmt. Hast Schmelzsicherungen, die immer rausflogen, wenn ich staubsaugen wollte, während die Waschmaschine lief. Du bist nun fast 60. Nie wurde etwas an dir groß verändert, du wurdest auch schlecht behandelt, man nahm auf deine Besonderheiten keine Rücksicht. Nach einem Wasserschaden hat jemand dich unprofessionell saniert; die zentimeterdicken Fugen geben dir einen mediterranen Anschein.

Dein Keller ist nicht feucht, auch wenn sich in den Jahren deiner Existenz durchaus schon Schlammlawinen durch die Kellerfenster mit Gittern ergossen haben. Alles, weil sie dich verändern wollten, und dabei nur die Oberfläche bedachten, nicht aber, dir dein Fundament zu erhalten.

Dein Balkon zeigt nach Osten zur aufgehenden Sonne. Ich nutzte ihn nur zum Wäschetrocknen. Und meine Jüngste, um dort viele Nächte im Freien zu schlafen. Du hast auch eine überdachte Loggia. So wunderbar, um im Regen geschützt vor dem Haus zu sitzen und in die Blumen zu schauen. Vor 50 Jahren lag dieser Platz eine Armlänge von einem Getreidefeld entfernt. Nun sind dort Kleingärten, mein Nachbar baut Obst und Gemüse an und singt in lauen Sommernächten mit seinen Kumpels laut rumänische Lieder am Feuer.

Du bist eine ehrliche Haut. Deine Haustür ist undicht, deine Fenster ebenso. Ab 4 Grad sind die Fenster beschlagen, ab -5 Grad von innen gefroren. Sie sind doppelt verglast, eine Innovation damals, nun in die Jahre gekommen, wie alles an dir.

Du bist keine Stadtvilla, liegst nicht am Phoenix See, mit deiner Lage kann man nicht repräsentieren, aber auch ich komme von hier. Ich bin wehmütig. Du hast mir gezeigt, was alles möglich ist. Etwas riskieren, über seinen Schatten springen, neu anzufangen, ohne gleich alles zu verändern. Erst einmal sein, dich auf mich wirken lassen, mit deinen Besonderheiten leben und dabei die gute Absicht der damaligen Bauweise zu erkennen. Ich wollte dich, wie alle hier im Umfeld, radikal verändern, dich so machen, wie es ins Heute passt. Aber das Leben ist mir zuvorgekommen.

Deine Nachfolgerin wird mir nicht gehören. Und doch werde ich sie gut behandeln. Denn sie ist es wert. Und ich es mir auch. Und so steht Besitz hinter Lebensqualität zurück. Da leben, wo ich arbeite, zwischen Kartoffeln, Getreidefeldern und Windrädern, der See ganz nah.

Alles im Leben ist nur geliehen. So wie du. Denn du bleibst, während ich gehe. Du, mein Haus.

 

Petra Wiemer hat sich Zeit ihres Lebens für Lernen und persönliche Entwicklung interessiert. Sie ist heute als Bildungswissenschaftlerin im Bereich Weiterbildung tätig. Als Mutter von vier Kindern ist sie Expertin in der Vereinfachung komplexer Sachverhalte. Vor kurzem ist sie mit ihren Kindern in ein altes Haus gezogen und hat die Erkenntnis gewonnen, dass Reduzieren die Qualität erhöhen kann, sofern die Lebenseinstellung positiv ist. Jetzt muss sie nur noch ihre Kinder von diesem neuen Lebensstil überzeugen. Ihre Erfahrungen beschreibt sie in der Kategorie Minimalismus mit Kindern.

 

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