Reisen mit leichtem Gepäck

VintageYourLife-Gastautorin Petra Wiemer ist eine ganz normale, berufstätige Mutter von vier Kindern aus dem Ruhrgebiet. Und hat in diesem Sommer einmal ihre Kinder zu Hause gelassen und das minimalistische Reisen für sich entdeckt. Ihre Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen:

Ich verreise gern.

Im Urlaub will ich Abstand nehmen von dem, was mein Leben sonst so ausmacht. Mein Leben ist geprägt von verbindlichen Strukturen, einem ganz normalen Arbeitsalltag, ordentlichem Büro-Outfit, regelmäßigem Essen und keinerlei Aufregung.

Im Urlaub suche ich nach Abwechslung. Klar lese ich Reiseführer. Um mich inspirieren zu lassen. Und dann selbst zu planen. Mit einem 35 Liter Rucksack. In Pink. Der musste leider sein. Trotz aller Emanzipation. Ist in den Bergen eben besser zu sehen als stylishes Schwarz, wenn man mal strandet. Im Urlaub will ich sehen, was so möglich ist. Körperlich und mental.

Vermutlich habe ich nach dem Abi was verpasst. Wollte unbedingt sofort eine sinnvolle Beschäftigung eingehen, die ich auch fand. Kam in Brot und Arbeit, die erste Stelle im öffentlichen Dienst. Später kamen Wohnung, Auto, Freund, Möbel und dann Kinder, Mann und Haus hinzu.

Damit hatte es sich mit dem Reisen. Na gut, Nordsee und Bauernhof war noch drin, aber aufregend ist das nicht. Mal ganz abgesehen von den Bergen an Koffern, die man so mitnimmt mit Dingen, von denen man denkt, dass man sie unbedingt oder eventuell mal braucht.

Seit kurzem bin ich jedoch in der erfreulichen Situation, auch mal wieder allein verreisen zu können.

Dann hole ich den Rucksack raus und packe, zum Beispiel neulich für meine Tour über die italienischen West-Alpen. Quer durch die Berge und Täler. Jeden Tag über einen Pass von 2000 Metern! Wie gut, dass ich durch jahrelanges Tragen von zappeligen Kindern im Tuch das Tragen von Lasten gewöhnt bin. Da ist so ein klitzekleiner 8 kg Rucksack (ohne Proviant) fast nicht zu spüren und eher willkommenes Training.

Und hier mein Fazit nach 12 Tagen in den Alpen:

Rechne immer mit allem!

Das Wichtigste in diesem Urlaub sind stabile und gut eingelaufene Wanderschuhe. Ein Paar Stöcke. Für abends reichen Flipflops. Auch bei 8 Grad. Eine wasserabweisende lange Wanderhose und eine kurze leichte, 2 T-Shirts, zwei Unterhemden, zwei Paar Socken aus Funktionsmaterial und 5 alte Unterhosen. Unterhosen lassen sich im Urlaub bedenkenlos zwei bis drei Tage tragen und danach wegschmeißen, dann habe ich zumindest einen Grund, mir auch mal neue zu kaufen! Je eine Fleece- und Regenjacke. Dazu einen Sonnenhut, eine Sonnenbrille, Sonnencreme, Zahnbürste, Zahncreme und eine kleines Fläschchen Shampoo, gut eingeteilt reicht es für alle Tage plus abendliches Klamottendurchwaschen. Da diese nie bis zum Morgen trocknen, empfiehlt sich eine Schnur mit zwei Sicherheitsklammern, mit denen man die noch feuchten Sachen außen am Rucksack befestigen kann. Dazu ein Reisehandtuch aus Funktionsmaterial. Ist einfach viel kleiner und leichter.

Absolut lebensnotwendig sind aktuelle Karten, zum Wandern mindestens 1:50.000, besser 1: 25.000. Verlasse dich nie auf Reiseführer! Sie ergänzen Karten gut, taugen jedoch nicht zur Orientierung allein. Ich habe schon Mitwanderer durch schlechte oder nicht vorhandene Karten verloren.1,5 l Wasser sollten immer dabei sein, oft lässt sich unterwegs auffüllen. Essen je nach Konstitution und Tagesplanung. Als Reiseapotheke nehme ich Arnika-Globuli mit (wer sich schon mal im Dunkeln den Kopf an einem Hochbett gestoßen hat, weiß, was ich meine) und ausreichend Blasenpflaster. Bargeld, Karten, Versicherungsnachweise, PINs und PUKs und ein Wörterbuch aus Papier.

Weiterhin eine Taschenlampe und Ohrstöpsel für gemischte 12 Bett-Zimmer auf Hütten, obwohl man abends nach 2000 Höhenmetern meist so platt ist, dass einem alles egal ist. Richte dich auf Hocktoiletten und Duschen ein, in die man Münzen werfen muss, damit warmes Wasser rauskommt (kaltes ist meist umsonst, oder aber es gibt gar keins wie auf Alpe La Colma).

Vergiss nicht das Ladekabel für dein Handy, geh aber davon aus, dass das Internet meist nicht funktioniert, ebenso das Netz, obwohl du mitten auf einem Gipfel stehst!

So ein Urlaub macht wirklich frei, frei von Zwängen wie Erreichbarkeit, Lippenstift und Deo und Luxus wie absenkbaren Klodeckeln und warmen Wasser. Er provoziert ein Nachdenken über das wahre Wesen der Dinge und Personen, über das, was wirklich zählt. Zeigt mir, dass ich überall und mit allen Umständen zurecht käme …. wer weiß, was noch kommt.

Mal essen, was man vorgesetzt bekommt …. Zwei Zwieback plus Espresso zum Frühstück ….  Antipasti, primo piatto,  secondo, formaggi e dolci … so circa 2000 Kalorien um 21 Uhr. Auch wenn ich zuhause sonst mühsam versuche, nach 18 Uhr nichts mehr zu essen, gewöhne ich mich schnell an den anderen Rhythmus, an Eselswurst und Polenta in allen Variantionen.

Fazit zum Schluss: Buche immer deine Rückfahrt im Voraus, damit du weißt, wo du am letzten Tag hinmusst und nicht in Orten strandest, die entgegen der Angabe im Reiseführer seit 11 Monaten keinen Zuganschluss mehr haben! Und Autofahrer nehmen einen am liebsten mit, wenn die Haare im Wind wehen und der Rucksack klein und pink ist. Ein Hoch auf die Emanzipation!

Es reist sich eben am besten mit leichtem Gepäck.

 

 

Petra Wiemer hat sich Zeit ihres Lebens für Lernen und persönliche Entwicklung interessiert. Sie ist heute als Bildungswissenschaftlerin im Bereich Weiterbildung tätig. Als Mutter von vier Kindern ist sie Expertin in der Vereinfachung komplexer Sachverhalte. Vor kurzem ist sie mit ihren Kindern in ein altes Haus gezogen und hat die Erkenntnis gewonnen, dass Reduzieren die Qualität erhöhen kann, sofern die Lebenseinstellung positiv ist. Jetzt muss sie nur noch ihre Kinder von diesem neuen Lebensstil überzeugen. Ihre Erfahrungen beschreibt sie in der Kategorie Minimalismus mit Kindern.

 

 

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