Reizüberflutung

Diese ganzen Entrümpelungsaktionen, die ich in den letzten Wochen und Monaten durchgeführt habe, machen meine Wohnung größer, schöner, klarer und aufgeräumter. Das ist natürlich schon für sich genommen ein riesiger Vorteil. Denn ich liebe diese Hochglanzbilder von aufgeräumten, weiten, großzügigen Wohnungen. Meist sind diese Wohnungen auch noch lichtdurchflutet und sehr geschmackvoll eingerichtet. Toll! Das ist für mich Luxus pur.  Am schönsten finde ich übrigens loftartige Penthouse-Wohnungen ohne Wände und Häuser mit großen Fenstern und Blick aufs weite Meer. Ich habe zwar bodentiefe Fenster, kann jedoch nicht auf den Ozean schauen. Aber ein winziges Wäldchen ist zu sehen. Immerhin …

Abgesehen davon, dass ich diesem Traum vom stilvoll-elegantem Interior Design durch das Entrümpeln tatsächlich immer näher komme, stelle ich noch eine zweite Sache fest. Ich kann viel besser durchatmen. Im übertragenen, aber auch im wahrsten Sinne des Wortes…

Die Wissenschaft hat festgestellt, dass viele Reize auf Dauer unser Gehirn, unsere Seele und unseren Körper überfordern. Man spricht von der sogenannten Reizüberflutung. Man ist reizüberflutet, wenn die Komplexität der Situation zu hoch ist, um die Gesamtheit aller Faktoren zu begreifen. Das führt dazu, dass man irgendwann keine Entscheidungen mehr treffen, bzw. gute Lösungen finden kann, weil das System überlastet ist. (Man kennt das ja von Computern, die irgendwann streiken. Oder mehrfach belasteten Müttern/Hausfrauen/Ehefrauen/Karrierefrauen, die sich regelmäßig zurückziehen müssen, weil sie ansonsten Amok laufen würden…) Dauerhafte Reizüberflutung führt dabei zu großem Stress, welcher in einem Burnout münden kann.

(Die Soziologie hat zudem herausgefunden, dass die Zugehörigkeit zu einer Gruppe mildernd auf jede Form von Überforderung wirken kann. Das würde erklären, warum gute und gesunde Beziehungen uns so stark machen … Aber das nur am soziologischen Rande.)

Zu viel Kram, vor allem in den eigenen vier Wänden, denn hier hält man sich schließlich große Teile des Tages auf, stresst also nachweislich. Neben den ganzen Dingen, die Aufmerksamkeit beanspruchen und Platz wegnehmen, geht es wohl auch um die zahlreichen Möglichkeiten, die diese Dinge ebenfalls beinhalten. Ein Beispiel: Je voller mein Kühlschrank, desto ratloser bin ich, was ich heute kochen soll. Je voller mein Kleiderschrank, desto weniger weiß ich, was ich anziehen soll. Je mehr CDs, desto weniger weiß ich, welche ich heute hören möchte. Und so weiter…

Und so bedeutet ein „Weniger ist mehr“ automatisch eine Reizminderung und somit Entlastung. Festgestellt habe ich das zum Beispiel auch bei meinen früher so geliebten Shoppingtouren. Mittlerweile wechseln die Kollektionen aber so dermaßen schnell, dass ich gar nicht mehr mitkomme. Auch die Hersteller und Marken haben sich vervielfacht und will ich das „gesamte“ Sortiment sichten, bevor ich eine Entscheidung treffe, komme ich aus dem ganzen Sichten gar nicht mehr heraus.

Vollgestopfte Wohnungen mochte ich noch nie, die haben mich schon immer ganz nervös gemacht und mir die Luft zum Atmen genommen. Aber beim Entrümpeln habe ich festgestellt, dass ich dennoch jede Menge unnützes Zeugs mit mir herumschleppe, welches mir nur auf die Nerven geht. Weil das Ganze aber schön ordentlich weggepackt war, hatte ich es schon ganz vergessen. Zumindest bewusst. Das Unterbewusstsein vergisst bekanntlich nichts …

Mittlerweile stelle ich mit Erschrecken fest, dass ich sogar in einer viel kleineren Wohnung leben könnte! Allerdings bin ich erst vor einem Jahr umgezogen und jetzt nochmal umzuziehen würde einen unnützen finanziellen Verlust bedeuten.

Außerdem finde ich die bodentiefen Fenster so schön.

 

Sun-Mi Jung ist Foodbloggerin, hat südkoreanische Wurzeln und stammt aus dem Ruhrgebiet. Vor kurzem hat sie die Freiheit von „Less stuff – more happiness“ entdeckt: Sie zog von 150 Quadratmern auf zwei Etagen auf 72 Quadratmeter, reduzierte 3,5 Meter Kleiderschrank (plus Handtaschen und Schuhe!) auf 1,2 Meter und ist immer noch kräftig dabei zu entrümpeln. Bei Vintage Your Life berichtet sie in der Kategorie Gerümpelfrei von ihren Erfahrungen, gibt praktische Tipps und führt Interviews mit Entrümpelungsexperten und Gleichgesinnten. Hier geht es zu ihrem Foodblog MissSeoulfood.

 

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