Schneller, höher, weiter!

„Die meisten Menschen hasten so sehr nach Genuss, dass sie an ihm vorbeirennen.“ Dieser  Kierkegaard war schon ein sehr weiser Mensch. Sehr viel weiser als ich. Was aber auch nicht besonders schwierig ist. Auf jeden Fall hat er mein Wesen schon ziemlich gut erkannt.

Auch ich bin eigentlich permanent auf  der Suche nach dem nächsten Kick, dem nächsten Adrenalinschub und dem nächsten Abenteuer. Deshalb kann ich Routinearbeiten auch nur sehr schlecht bewältigen (ein Charakterfehler, der mich immer wieder in Schwierigkeiten bringt), ich finde Backen langweilig, weil man sich da immer so akribisch an ein Rezept halten muss und ein Thermomix ist der absolute Alptraum für mich. Kochen nach genauen Vorgaben. Und dann auch noch von einer Maschine! Nein, danke.

Immer auf der Suche, immer unter Strom

Menschen wie mich nennt man wohl Sensation Seeker. „Das Suchen nach Abwechslung und neuen Erlebnissen, um immer wieder Spannungsreize zu erleben, beschreibt das Persönlichkeitsmerkmal Sensation Seeking“, heißt es bei Wikipedia. Und weiter: „Dabei suchen Menschen mit einem geringen initialen Erregungsniveau eher aufregende Reize und werden als Sensation Seeker bezeichnet.“ Unter anderem haben diese Menschen offenbar eine Abneigung gegenüber Langeweile und eine Neigung zur Unruhe, wenn die Umwelt keine Abwechslung bietet.

Dieses Persönlichkeitsmerkmal ist angeboren und Männer neigen eher dazu als Frauen. Was wohl auch die größere Risikobereitschaft bei Männern erklärt.

Soweit, so gut. Grundsätzlich scheint dieses Sensation Seeking keine größeren Probleme zu verursachen. Körperlich riskante Aktivitäten, wie Bergsteigen oder Bungee Jumping, zu denen Sensation Seeker neigen,  sind heutzutage auch für „Normalsterbliche“ ohne unmittelbare Lebensgefahr zu genießen. Ebenso ein unkonventioneller Lebensstil (Weltreise, Patchworkfamilie, ein Dasein als Digital Nomad), der heute nicht nur gesellschaftlich akzeptiert, sondern dank sozialer Absicherung auch nicht mehr wirklich gefährlich ist. Ebenso verhält es sich mit dem Sensation Seeking-Aspekt Enthemmung: Party, Promiskuität und Trinken in Gesellschaft machen zwar immer noch wahnsinnig viel Spaß, werden aber nicht mehr so kritisch beäugt wie früher und wenn man zumindest ein bisschen vorsichtig ist, kann auch beim wilden Feiern nicht viel passieren.

Bleibt also noch die Anfälligkeit für Langeweile, bzw. die Neigung zur Unruhe, wenn die Umwelt keine mehr Abwechslung bietet. Klingt unglaublich harmlos. Führt aber zu einer permanenten Rastlosigkeit. Eben zur ständigen Unruhe.

Sensation? Lieber Genuss!

Und auch das ist eine Art von Gerümpel … Ständig neue Projekte, Hobbies, Beschäftigungen, Bekanntschaften, Termine, Events, Arbeiten, Geschäftsideen, Wettbewerbe. Die berühmten Hochzeiten, auf denen wir tanzen. Sehen kann man dieses Gerümpel nicht. Es ist ja nicht materiell. Da ist es aber dennoch. Es füllt zwar nicht meine Schränke. Dafür aber meine Zeit und noch viel schlimmer: Es bindet meine Aufmerksamkeit. Und das Allerschlimmste: Vor lauter Hochzeiten (oder waren es Bäume?) sehe ich den Wald gar nicht mehr. Ich kann diese ganzen, eigentlich tollen Dinge gar nicht mehr richtig genießen, weil ich nur noch von einer Party zur nächsten hetze. Immer in der hektischen Angst, etwas zu verpassen.

Ich vermute, dass das eine Art Sucht ist. Ein Esssüchtiger kann Essen ja auch nicht mehr richtig genießen. Er stopft es lediglich und vollkommen sinnlos in sich hinein. Ich tue dasselbe mit Abwechslung.

Was das für mich heißt? Nun, auch dieses Gerümpel will ich minimalisieren. (Ganz aufgeben werde ich das Sensation Seeking wohl nicht können … Ist eben Veranlagungssache.) Entschleunigen nennt man das. Weniger Sensationen. Diese dafür wirklich genießen. Und nicht so hastig herunterschlingen, weil die nächste Sensation ja schon auf mich wartet.

Denn das größte Abenteuer, das wir erleben können ist, bei sich selbst anzukommen und es mit sich selbst auszuhalten. Dieses Abenteuer habe ich noch vor mir. Ich freue mich schon!

 

Sun-Mi Jung ist Foodbloggerin, hat südkoreanische Wurzeln und stammt aus dem Ruhrgebiet. Vor kurzem hat sie die Freiheit von „Less stuff – more happiness“ entdeckt: Sie zog von 150 Quadratmetern auf zwei Etagen auf 72 Quadratmeter, reduzierte 3,5 Meter Kleiderschrank (plus Handtaschen und Schuhe!) auf 1,2 Meter und ist immer noch kräftig dabei zu entrümpeln. Bei Vintage Your Life berichtet sie in der Kategorie Gerümpelfrei von ihren Erfahrungen, gibt praktische Tipps und führt Interviews mit Entrümpelungsexperten und Gleichgesinnten. Hier geht es zu ihrem Foodblog MissSeoulfood.

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