Smart Home trifft auf technischen Minimalismus

VintageYourLife-Gastautorin Petra Wiemer ist eine ganz normale, berufstätige Mutter aus dem Ruhrgebiet. Und ist vor kurzem in ein neues Haus gezogen. Das nicht nur viel weniger Gerümpel hat als das alte. Sondern auch viel minimalistischer ausgestattet ist. Ihre Erfahrungen:

Alle reden über smart homes, die digitale Revolution zuhause, die technische Aufrüstung des Zuhauses. Die Jalousie, die von allein runterfährt, wenn die Temperatur über 30 Grad geht, die Heizung, die hochfährt, bevor man nach Hause kommt. Der Staubsauger-Roboter, der allein die Wohnung saugt. Und ganz smart, die Beleuchtung, die sich von alleine dimmt, wenn die neue Flamme auf das Sofa sinkt. Dies alles, damit die Arbeit minimiert und das Privatleben optimiert wird.

Davon kann ich nur träumen. Mein Haus ist aus 1961. Es war damals eine echte Innovation, mit einer riesigen Fensterfront aus Doppelglas und Gäste-WC. Die Gärten hatten Park-Charakter und es gab sogar ein Büro für Papa und einen Ankleideraum von 2qm.

Das ist heute noch immer so. Doch die gewünschte technische Smartness stößt heutzutage bereits in der Küche ganz schnell an ihre Grenzen. Während 1961 drei Steckdosen in der Küche völlig ausreichten, um Kühlschrank, Herd und Handrührmixer zu betreiben, benötige ich für Toaster, Wasser- und Eierkocher und Espressomaschine bereits einen Mehrfachstecker. Auf eine Spülmaschine habe ich auf Anraten meines Elektrikers verzichtet, da der antike Schmelzsicherungskasten dem nicht gewachsen wäre.

Und die doppelt verglaste Fensterfront benötigt etwa 8 Arbeitsgänge auf Stuhl oder Leiter, da ich einfach nicht bis auf 2m mit dem Fensterleder komme. Die 1961 innovative doppelte Verglasung führt dazu, dass sich die zweite Scheibe extra öffnen lässt und somit auch heute noch extra zu putzen ist.

Im Keller habe ich zwei Steckdosen. Einen für die Waschmaschine, eine für den Trockner. Läuft die Waschmaschine, kann ich nicht staubsaugen. Dann fliegt die Sicherung raus. Ist nicht schlimm, auch Waschmaschine und Trockner laufen in der Regel nacheinander. Leider habe ich keine Steckdose mehr im Keller für einen Gefrierschrank und im Wohnzimmer für die gesamte Unterhaltungselektronik. Damit gibt es bei mir weder Eis noch Pizza noch einen riesigen Flachbildschirm, der jede Kommunikation nach 20 Uhr zum Erliegen bringt.

Was ich Ihnen damit erzählen will?

Die technischen Möglichkeiten führen heute dazu, dass wir unsere Ansprüche immer höher schrauben. Durften 1961 nur Familien in das 80qm Haus einziehen, die mindesten drei Kinder hatten, gilt das Haus heute mit vier Personen statistisch schon als überbelegt.

Ich habe mich nun mit den Möglichkeiten des Hauses arrangiert. Bei mir gibt es keine Putzorgien, hier geschieht alles nacheinander, der begrenzten Elektrik sei Dank. Aufgrund des begrenzten Raumangebotes leben wir enger zusammen, was ganz schön ist. Wollen wir Pizza, müssen wir sie frisch machen. Eis essen wir nur noch beim Italiener, wo es sowieso am besten schmeckt.

Ich koche gern und am liebsten frisch, die fehlende Eis Truhe stört mich kein bisschen mehr. Horten war gestern. Im Winter stehen meine Suppen draußen und im Sommer gibt es immer alles frisch, da helfen alle mit.

Die nicht vorhandene Spülmaschine stört mich nun kein bisschen mehr. Weil mir einfiel, dass vermutlich 90 Prozent der Weltbevölkerung keine haben und auch meine eigene Mutter jahrzehntelang mit der Hand gespült hat. Seitdem gehört das Spülen zum Abend dazu. Und eins meiner Kinder trocknet ab und hilft mir. Somit ist downsizing Technik für mich ein Mehrwert an sozialem Miteinander. Und kein Defizit. Es ist eben immer eine Frage der Perspektive.

 

Petra Wiemer hat sich Zeit ihres Lebens für Lernen und persönliche Entwicklung interessiert. Sie ist heute als Bildungswissenschaftlerin im Bereich Weiterbildung tätig. Als Mutter von vier Kindern ist sie Expertin in der Vereinfachung komplexer Sachverhalte. Vor kurzem ist sie mit ihren Kindern in ein altes Haus gezogen und hat die Erkenntnis gewonnen, dass Reduzieren die Qualität erhöhen kann, sofern die Lebenseinstellung positiv ist. Jetzt muss sie nur noch ihre Kinder von diesem neuen Lebensstil überzeugen. Ihre Erfahrungen beschreibt sie in der Kategorie Minimalismus mit Kindern.

 

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One thought on “Smart Home trifft auf technischen Minimalismus

  1. Alice

    Gerümpelfrei aber sicher.
    Natürlich kann ich ihr Bedürfnis nach Freiheit von Gerümpel auf beengten Verhältnissen verstehen.
    Aber bei dem Gedanken an eine völlig veraltete Elektroinstallation, die gerade für ihre Kinder eine Gefahr darstellt, stellen sich mir die Nackenhaare auf.
    Installieren sie doch bitte wenigstens ein paar Rauchmelder, diese stellen in Deutschland im Jahr 2016 technischen Minimalismus dar und können Leben retten, falls sich ihre antiquare Elektrik in Rauch auflöst.

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