SUV-Eltern, rüstet endlich ab!

Ich fahre gern Rad. Sogar bis in die Innenstadt. Gestern war mal wieder so ein Tag. Auf dem Weg in die City komme ich durch viele Straßen, große und kleine. Besonders in der südlichen Innenstadt sind die Straßen eng. Umso besser komme ich mit meinem Rad da durch, wenn rechts und links versetzt die Autos in zweiter Reihe parken. Allerdings kommt es mir so vor, als wenn es jedes Jahr mehr Autos werden! In der Straße meiner Kinderzeit haben sie nun markierte Parkbuchten eingerichtet, weil sonst auf 500 m kein Durchkommen mehr ist, da rechts und links Auto an Auto steht.

Gestern morgen nun kamen mir dort mehrere riesige Autos entgegen, sogenannte SUV´s, der neueste Wunschtraum aller Mittelklasse-Familien, ein Auto, das zeigt, dass man große Aufgaben zu bewältigen hat im Alltag und zudem eine sportliche Familie ist. Hinter dem Frontschutzbügel am Steuer Mama mit Marken-Sonnenbrille, daneben ein kleiner Mensch, ebenfalls mit Brille, auf dem Weg zur Schule, zum Sport, zum Einkaufen. Im Heck der Familienhund. Das Auto mit einer Eignung für Aufgaben des australischen Outbacks, aber nicht für normale Fortbewegung in der Dortmunder City, drängt mich aufgrund seiner Abmessungen also auf den Gehweg. Ich fühle mich wie im Krieg, Angesicht in Angesicht mit einem Panzer. Wie ein Erstklässler dies aus 1,20m Höhe wohl empfindet?

Wieso werden eigentlich die Autos immer größer, obwohl der Platz in den Städten knapper wird und die qm-Preise ins Unendliche klettern? Warum muss es beim Zweitwagen ein Mid-Size Crossover, ein potentes Sport Activity Vehicle, auf jeden Fall ein allradgetriebener Off-Roader bei max. 10 Prozent Steigung im Ruhrgebiet sein? Ist das Leben auf Dortmund Straßen so gefährlich, dass man sich im Falle einer Kollision mit einer Radfahrerin wie mir in Tonnen Blech verschanzen muss?

Meine Eltern hatten in den 70ern einen Käfer. In den wir alle passten beim jährlichen Urlaub. Zur Arbeit fuhr mein Vater mit dem Rad und meine Mutter kaufte zu Fuß ein. Wir Kinder gingen selbstverständlich zu Fuß zur Schule und das Auto parkte am Straßenrand. Doppelgaragen kannten wir aus amerikanischen Filmen.

Heute kennen 50 Prozent der Schulkinder den Weg zur Schule nicht mehr und die, die zu Fuß gehen, betreiben allmorgendliches Überlebenstraining, um von den vielen wendenden Off-Roaders mit einem Gewicht eines Kleinlasters nicht übersehen und überfahren zu werden.

In Italien gibt es in den engen Gassen der romanischen Altstädte noch echte Cinquecentos und Piaggio Ape, weil baulich nichts anderes möglich ist, will man sich überhaupt fortbewegen und seine Arbeit erledigen. Und statistisch gesehen leben die Italiener nicht gefährlicher als die Deutschen!

Also, liebe Eltern: vielleicht tut es ja auch ein Kleinwagen, um zur Arbeit zu kommen. Ist eh viel sparsamer. Und die Kinder können doch auch zu Fuß zur Schule gehen; lernen sie hier gleich den Umgang mit VRR, Fahrplan, Mitmenschen und GPS in natura.

 

Petra Wiemer hat sich Zeit ihres Lebens für Lernen und persönliche Entwicklung interessiert. Sie ist heute als Bildungswissenschaftlerin im Bereich Weiterbildung tätig. Als Mutter von vier Kindern ist sie Expertin in der Vereinfachung komplexer Sachverhalte. Vor kurzem ist sie mit ihren Kindern in ein altes Haus gezogen und hat die Erkenntnis gewonnen, dass Reduzieren die Qualität erhöhen kann, sofern die Lebenseinstellung positiv ist. Jetzt muss sie nur noch ihre Kinder von diesem neuen Lebensstil überzeugen. Ihre Erfahrungen beschreibt sie in der Kategorie Minimalismus mit Kindern.

 

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedintumblrmailby feather

2 thoughts on “SUV-Eltern, rüstet endlich ab!

  1. Hallo,
    sehr schöner Artikel. Ich arbeite neben einer Schule und wir teilen uns unseren Parkplatz mit den Lehrern. Ich bin jeden Morgen erstaunt, wie viele Mütter ihre Kinder mit dem Auto zur Schule gebracht werden. Und wie unverschämt die Mütter teilweise sind. So kann ein Kind meiner Meinung nach auch nicht eigenständig werden, wenn es jeden morgen sogar noch von dem Parkplatz zur Schule geleitet wird. Leider kann ich meinen Arbeitsweg nicht mit dem Rad bewältigen, da dies pro Tag 36 Kilometer wären. So sportlich bin ich dann leider doch noch nicht. Aber wenn ich an meine Kindheit, die ich im Ruhrgebiet verbracht habe, zurückdenke, dann war es eher die Ausnahme, dass Kinder mit dem Auto zur Schule gebracht werden. Heute scheint es Standard zu sein.
    Liebe Grüße in meine alte Heimat 🙂
    Franca

  2. facebook-profile-picture VintageYourLife

    Die Straße, an der meine alte Grundschule liegt, ist inzwischen gesperrt, weil die Mütter in zweiter und dritter Reihe parkten. Für die Kinder wurde es einfach zu gefährlich. Ich bin selbst als Kind dahin gelaufen, da dachte noch keiner an SUV.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.