Wohnst du noch oder lebst du schon?

Sie kennen doch bestimmt den berühmten Werbespruch: wohnen, schrauben oder leben.

Was impliziert, dass Leben nur funktioniert, wenn ich mich vorher anstrenge. In angesagten Möbelhäusern Meilen zurücklegen, Kinder vorher für exakt 60 Minuten im Kinderbereich parken, sich an den Schlangen an der Kasse vordrängeln, Artikel selbst scannen, Geld ausgeben, schwere Kisten zum Auto schleppen, feststellen, dass das Auto zu klein ist, und natürlich all diese Möbel zuhause auch selbst zusammenbauen. Das zeigt dann wohl, dass ich modern, stylish, sparsam und motiviert bin.

Und erst dann darf ich „leben“. Den Luxus genießen. Ausruhen.

Doch es geht auch ohne. Ich kann auch leben ohne eine Einbauküche im 5stelligen Eurobereich, ohne Bettgestelle und auch ohne Kleiderschrank, eins der Teile, deren Preis in keinem Verhältnis zum Material oder Ergebnis steht.

Ich wohne noch und lebe trotzdem – einrichten à la Minimalismus

Stichwort Eleganz: mein sparsam möbliertes Haus hat viele freie Wände. Es gab Menschen, die jede freie Wand mit einem Regal, Wandschrank oder zumindest Bild versehen wollten. Die Fensterbänke zustellen wollten mit Blumen, Deko oder anderem Gerümpel. Raum und Leere scheint Menschen zu beängstigen. Nichts, was man aufräumen, umräumen, putzen, aber auf jeden Fall sein eigen nennen kann.

Bei mir ist es genau das Gegenteil. Ich habe mich vorletztes Jahr bewusst entschieden, genauso zu leben. Mit einer Schlaflandschaft, die man auch als japanischen Schlafstil bezeichnen kann: gemeinsam und tief am Boden. Ohne Kleiderschrank, der die Quadratmeterzahl eines Schlafzimmers um die Hälfte reduziert: ich hingegen habe einen ganzen Raum nur für Kleidung, einen begehbaren Kleiderschrank von mehreren Quadratmetern. Das hat den Vorteil, dass niemand morgens wegen vergessener rausgelegter Kleidung die anderen weckt!

Mit einem Wohnzimmer, in dem ein Sofa und ein antiker Schrank stehen, ein Raum mit weißen Wänden und viel Raum für Gedanken und die Menschen, die mir wichtig sind. Mit Fenstern, die ich mit einem Griff ganz weit öffnen kann, um Licht, Luft und den Duft der Natur ins Haus zu lassen.

Mit einer Küche ohne Thermomix und Küchenmaschine, ohne Popcornmaker, Wassersprudler, Multifunktionskühlschrank mit Weinfach und Icemaker. Ich kann noch kochen, improvisieren und einen alten Herd behandeln wie ein Mann seine Geliebte.

In meinem Haushalt gibt es zwei Messer: ein großes scharfes für mich und ein kleines für die Kinder. Wir benötigen keine Sets …. weder Messer noch Tupper noch Weingläser.  In meinem Haus gibt es lauter Unikate, die täglich benutzt werden und nicht in der Glasvitrine zustauben. Wir nutzen die Sammeltassen, das Kristall und das wertvolle Austeuergeschirr aus Omas Zeiten. Ich mag mein Haus genauso, wie es ist: Raum für die wichtigen Dinge in meinem Leben: Platz für die Kinder. Und auch ich verweigere mich: dem Konsum der Gesellschaft und vor allem den Ansprüchen anderer. Ich lebe einfach.

 

 

Petra Wiemer hat sich Zeit ihres Lebens für Lernen und persönliche Entwicklung interessiert. Sie ist heute als Bildungswissenschaftlerin im Bereich Weiterbildung tätig. Als Mutter von vier Kindern ist sie Expertin in der Vereinfachung komplexer Sachverhalte. Vor kurzem ist sie mit ihren Kindern in ein altes Haus gezogen und hat die Erkenntnis gewonnen, dass Reduzieren die Qualität erhöhen kann, sofern die Lebenseinstellung positiv ist. Jetzt muss sie nur noch ihre Kinder von diesem neuen Lebensstil überzeugen. Ihre Erfahrungen beschreibt sie in der Kategorie Minimalismus mit Kindern.

 

 

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One thought on “Wohnst du noch oder lebst du schon?

  1. Adriane

    Hätte ich ein so großzügiges Raumangebot, dass ich einen Raum nur für Kleidung einrichten könnte, würde ich meinen Kleiderschrank ganz sicher auch sofort abschaffen..

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